Die Geschichte

Ein Rückblick auf über 700 Jahre Narretei im Norden,

die Wiederbelebung des Karnevals im Raum Hannover

und dass, was daraus geworden ist

 

Die Geschichte des heutigen Döhrener Karneval beginnt eigentlich Ende des 19. Jahrhunderts als in Döhren die Wollwäsche- und Kämmerei gegründet wurde. Die damalige Industrialisierung hatte zur Folge, dass in diesem kleinen beschaulichen Dorfe vor den Toren der Stadt Hannover dringend Arbeitskräfte benötigt wurden. Diese kamen damals zum Großteil aus dem katholischen Obereichsfeld und fanden hier eine neue Heimat. Neben ihrem katholischen Glauben brachten sie natürlich auch ihre Feste und alten Bräuche mit.

 

Das fastnachtliche Treiben in Döhren und den umliegenden Dörfern war schon lange in Vergessenheit geraten. Viele Gründe haben dazu beigetragen. Ausschlaggebend war aber sicherlich, dass „Das Kleine Freie“ damals zum Herzogtum Lüneburg gehörte, in dem bereits 1527 die Reformation eingeführt wurde. Luther wetterte gegen den Karneval als "Der Christen Bacchanali". Und da die Reformatoren mit den Fastengeboten auch den Gegenpol für das närrische Treiben aufgehoben hatten, verkümmerten in diesen Regionen die alten Fastnachsbräuche immer mehr. Kirchliche und weltliche Obrigkeiten versuchten mit mehr oder weniger Erfolg, die oft ausschweifenden Narreteien, die teilweise sogar in wilde Völlereien und Gelage ausuferten in den Griff zu bekommen. So finden wir bereits in der „Großen Stadtkündigung von 1534“  (eine der ältesten Zusammenfassungen unseres Stadtrechts) Vorschriften „vom Fastelabendt“. Der ältesten schriftlichen Hinweis auf das fastnachliche Treiben gehen in Hannover auf das Jahr 1395 zurück, als zu Fastnachtsfeiern junge Leute in das Hannoversche Rathaus eingeladen wurden, zu denen der Rat den „Schoduveln“ Wein und Kohlen zum Heizen zur Verfügung stellte. Der „Schoduvel“ ist eine der wenigen festgelegten niederdeutschen Masken. Der „Umgang der Schoduvel“ (Teufel - Austreibendes Winters, der Dämonen) wird erstmals 1261 in Lübeck erwähnt und ist auch etwas später in den Städten Braunschweig, Duderstadt, Göttingen, Goslar, Hildesheim, Münden und auch in  Riga, nachweisbar.

Der Kaiserlich gekrönte Poet Johann Hemeling, der von 1646 bis 1684 in Hannover wirkte, beschreibt es wohl mit diesem Spruch sehr passend:


„Ein wüstes Vieh hält Maß und Ziel,

säuft nimmer sonder Durst zuviel;
der Mensch nur ist so blind und doll,

säuft wider der Natur sich voll.“

Diese überschwänglichen Zusammenkünfte zur Fastnacht veranlassten Herzog Ernst-August zu Braunschweig und Lüneburg schließlich am 26.01.1688 eine „Maskeradenordnung für die Stadt Hannover“ zu erlassen.

 

Im Barock und Rokoko wurden vor allem auf Schlössern und an den Fürstenhöfen rauschende Karnevalsfeste gefeiert, welche sich stark an die italienische Commedia dell' Arte anlehnten. Hannover war auch hier für seine üppigen und überschwänglichen Festivitäten am Hofe bekannt und zog viele herrschaftliche Gäste von Nah und Fern in seine Mauern  

 

Aus dem Jahre 1710 gibt es einen Bericht über Ergötzlichkeiten der Karnevalszeit in Hannover. Der Frankfurter Patrizier, Zacharias Conrad von Uffenbach schildert seinen Besuch bei einer Redoute (Kostüm- oder Maskenball) im Hannoverschen Rathaus.

 

Aus den Jahren 1725 und 1730 gibt es ebenfalls berichte in der hannoverschen Stadtchronik über Karnevalsumzüge und – vergnügen in der Stadt. Und 1733 wird letztmalig, wie von Herzog Ernst-August eingeführt, der Karneval im venezianischen Stiel gefeiert.

Während später in den Städten vermehrt Handwerkszünfte - und dort insbesondere die jungen Gesellen - die Fastnacht ausrichteten, übernahm im frühen 19. Jahrhundert das Bürgertum die Festveranstaltung. Das Bürgertum feierte zwar nach wie vor närrische Redouten, die Straßenfastnacht war aber nahezu ausgestorben. So wurde zur Wiederbelebung 1823 in Köln, 1824-27 in Trier, 1828 in Paderborn und 1833 in Münster eine neue Art der Straßenfastnacht begründet und damit die Grundlage für den heutigen (modernen) Karneval geschaffen. Diese neue Veranstaltungsform vermischt sich im Laufe der Jahre mit den alten Brauchformen die teilweise noch in den dörflichen Siedlungsbereichen bestanden. Damit sind die Versuche, die ursprüngliche Fastnacht generell auszurotten fehlgeschlagen.

 

So erlebte auch Döhren im Jahre 1888 auf kleinen Umwegen die Wiederbelebung des Karnevals. Am 15. Januar 1888 trafen sich 27 Männer im neuen katholischen Schulhaus (dem heutigen Pfarrhaus von St. Bernward) und gründeten den „St. Josephsverein Döhren“. Bereits im Gründungsjahr traf man sich in der Gaststätte Brandes am Karnevalssonntag, 12. Februar 1888, zu einer Karnevalsveranstaltung. Im Verlauf desselben Jahres schlossen sich einige Mitglieder zusammen und stellten ihr Wirken unter das Motto: “Gut Scherz“. Sie spielten nicht nur Theater, ihre Mitglieder gaben durch humoristische Vorträge, Darbietungen von witzigen Solostückchen und Kehrreimliedern den Festen des Vereins eine fröhliche Note. Ihren ersten großen Auftritt hatte die Gruppe beim Stiftungsfest des Josephsvereins am 20.01.1889 im Saale des Gastwirt August Brandes. Aus alten Protokollen geht hervor, dass auch im Jahre 1889 eine separate Fastnachtsveranstaltung stattgefunden hat. Es war zwar keine Sitzung wie wir sie heute kennen. Im Vordergrund stand vielmehr eine Tanzveranstaltung die in den Tanzpausen mit allerhand närrischen und lustigen Reden und Tanzdarbietungen bereichert wurde.

Am 27.10.1920 trafen sich eine Gruppe von Mitgliedern, die bereits in den Vergangenen Jahren die Feste des Vereins verschönert hatten und gründeten die Theaterabteilung, wie ein Protokoll belegt. Einige aus den Folgejahren stammende Fastnachtszeitungen untermauern das Wirken dieser Gruppe.

 

In den Jahren der NS-Herrschaft wurde das öffentliche Wirken des Vereins eingestellt.

 

Am 9. Februar 1948 feierte man als erstes weltliches Vergnügen wieder Fastnacht – im „Döhrener Maschpark“. In den vergangenen Jahren hatte sich viel verändert und so wurde auch den damaligen Freunden sehr schnell klar, dass die Veranstaltungsgestaltungsart überdacht werden musste. Die humoristischen Einzeldarbietungen sollten zu einem großen Gesamtprogramm zusammen geschnürt werden, um den Fastnachtvergnügen der Vergangenheit einen neuen Stiel zu verleihen.

Von diesen Überlegungen angetrieben begannen die beiden Freunde Gottfried Könen und Hans Grieß im Jahre 1949 eine komplette Karnevalssitzung vorzubereiten. Dies hatte auch eine Namensänderung zur Folge. Fortan nannte man sich Funkenartillerie Blau-Weiss, Batterie Süd, Hannover-Döhren und wählte Hans Grieß zum ersten Präsidenten nach dem Kriege.

Am 19. Februar 1950 fand dann die erste Karnevalssitzung in Saal der „Sonnenwende“ unter dem Namen „DÖHREN ALAAF“ statt. Sie war äußerlich ein noch sehr spartanisches Unternehmen. Der Elferrat, der noch nicht einmal komplett besetzt war hatte als einziges Zeichen seiner Würde eine große „Pappschleife“ unter dem Kinn, einen Prinzen gab es auch noch nicht und als einziger „Orden“ fungierte ein bemaltes Stück Keramik, welches man dem Präsidenten umhängte. Eines aber gab es im Überfluss – „Gute Laune“, und so war die Frage nach Fortführung dieser erfolgreichen Veranstaltung in den Folgejahren wortlos bejaht.  Im Jahre 1951 gab es bereits erste Neuerung im Döhrener Karneval. Franz Grieß wurde auf einem umgedrehten Tisch in den Saal getragen und zum ersten Prinzkarneval von Döhren - Se. Tollität Prinz Franz I. - gekürt. Der Elferrat war vollständig und trug passend zu diesem feierlichen Anlass schwarze Anzüge. Eine Reihe von Büttenrednern in bunten Kostümen sorgten für gute Stimmung und die Liedertafel des Josephsverein  bereicherte das Programm mit Gesangsbeiträgen. Der Saal war wieder überfüllt und so entschloss man sich, im Jahre 1952 in den „Döhrener Maschapark“ umzuziehen. Dieser Saal bot natürlich auch die Möglichkeit für größere Auftritte und aufwändigere Dekorationen und war auch auf Anhieb ausverkauft.

In den Folgejahren entwickelt sich die Funkenartillerie Blau Weiß immer weiter. Im Herbst 1957 wurde die Funkengarde gegründet. Ihr erster Kommandeur war der heutige Ehrenpräsident Rudolf Heise. Natürlich durften auch ein Funkenmariechen, Margot Schäfer und ein Tanzoffizier, Werner Glesinski, nicht fehlen. So wurde auch die Veranstaltung 1958 mit erstmals wibbelnden Funken und einem Tanzpaar ein voller Erfolg. Anlässlich des 10-jährigen Jubiläums bereicherte 1959 eine eigene Fanfarengruppe das Programm.

 

Im Jahre 1960 führte Prinz Karl III. (Karl Ebbecke) das sogenannte „Fischessen“ am Fastnachts Dienstag ein.

 

Zur Sitzung 1961 wurden die Kulissen neu gestalten, in diesem Zusammenhang entstand auch der noch heute verwendete Prinzenthron, der von Jupp Deppe entworfen, gefertigt und gestiftet wurde.

 

Die Veranstaltung 1962 ließ man wegen der verheerenden Flutkatastrophe an der Nordseeküste und in Hamburg ausfallen.

Der Männerverein St. Bernward, ehemals St. Josephsverein Döhren, feierte 1963 sein 75-jähriges Jubiläum und so konnten auch wir auf eine 75-jährige Geschichte zurückschauen. Aus diesem Anlass wurde der Orden „humoris causa“ gestiftet. Diese höchste Auszeichnung des Döhrener Karnevals, die zu diesem Zeitpunkt in ganz Niedersachsen wohl einmalig war, wurde damals wie heute nur einmal jährlich an eine hochgestellte Persönlichkeit verliehen. Mit der Verleihung wird der neue Ordensritter gleichzeitig Senator der Funkenartillerie Blau Weiß.

 

Infolge beruflicher Veränderungen leitet Hans Grieß im Jahre 1966 letztmalig die Sitzung „DÖHREN ALAAF“ und wurde zum Ehrenpräsidenten sowie zum Ehrenkommandeur der Funkengarde ernannt. Sein Nachfolger als Präsident wurde Rudolf Heise.

Im gleichen Jahr wurde das KOMITEE HANNOVERSCHER KARNEVAL (KHK) gegründet und Rudolf Heise wurde dort Schatzmeister.

Durch eine großzügige Spende des damaligen Vizepräsident Paul Bufe gelang es im Jahre 1968 endlich eine weibliche Prinzengarde aufzustellen.

 

Das 25. Jubiläum der Funkenartillerie wird 1974 im Kuppelsaal der Stadthalle gefeiert, als Neuerung gibt es eine Schautanzgruppe im Programm.

Nach dem Abriss des „Döhrener Maschpark“ und dem Wunsch wieder in Döhren zu feiern, schließt man sich 1976 mit der Döhrener Schützenvereinigung zusammen und veranstaltet das Döhrener „Winterschützenfest“ und die Prunksitzung „Döhren Alaaf“ gemeinsam mit 2000 Gästen in einer alten Werkshalle der Döhrener Wollwäsche- und Kämmerei. Dort wird auch erstmalig ein großer Kinderkarneval veranstaltet.

 

Im Jahre 1979 gibt es wieder einige Neuerungen. Wegen der großen Nachfrage von jungen Menschen wird eine eigenständige Jugendabteilung mit Jugendordnung und Jugendvorstand gegründet. Zu dieser Zeit sicherlich eine richtunggebende Entscheidung, die sich aber als grundrichtig bewährt hat. Die Jugendabteilung umfasst folgende Gruppen: Kindergarde, Juniorengarde, Prinzengarde, drei Schautanzgruppen, Funkengarde und den Fanfarenzug. Weiterhin formatiert sich das Männerballett neu und es gibt ein neues, farbiges Bühnenbild mit dem Döhrener Turm als Motiv für das sich unser Senator, der Intendant Reinhold Rüdiger sehr eingesetzt hat.

1982

Erstes Turmtreffen mit den „humoris causa“-Trägern in der historischen Turmstube des „Döhrener Turm“, einem über 600 Jahre altem Wehrturm im Süden Hannovers.

 

Ein Jahr später, 1983 feiert Döhren sein 1000-jähriges Jubiläum. Beim großen historischen Festumzug werden zwei Festwagen  mit dem Döhrener Turm und unseren ehemaligen Veranstaltungsorten mitgeführt.

 

1985

Die Jugendabteilung organisiert mit großzügiger Unterstützung vom damaligen Vizepräsidenten Paul Bufe eine lang angelegte Altpapier Sammelaktion, um auch Familien mit mehreren Kindern oder finanziell schwachen die Teilnahme an einer Jugendfreizeit in den Herbstferien 1986 in Thierbach/Tirol zu ermöglichen.

 

1991

Die „Golf Krise“ schüttelt auch den Döhrener Karneval. Es fallen einige Fremdveranstaltungen aus, unsere eigenen Veranstaltungen werden aber alle durchgeführt, mit viel Erfolg.

Nach 25 Jahren gibt Rudolf Heise sein Amt als Präsident auf. Eine Zeit, in der viel geschehen ist. Aus dem kleinen gemütlichen Familienverein ist eine große Familie geworden, mit allem was dazu gehört – große Erfolge und schmerzliche Verluste. Das Haus war gut bestellt und die Verantwortung ging in jüngere Hände über, der neue Präsident wurde Johannes Golisch. Seine erste Amtshandlung war die Ernennung von Rudolf Heise zum Ehrenpräsidenten.

Die Jugendabteilung veranstaltet ihr erstes Pfingstzeltlager mit über 50 teilnehmenden Jugendlichen in Bissendorf.

Hannover feiert das 750 jährige Stadtjubiläum. Wir beteiligen uns am Festumzug mit einer Fußgruppe unter dem Motto: „ 1385 - Leineschiffe treffen aus Bremen ein“.  

 

1993

Es ist endlich geschafft. Nachdem der Verein in den vergangenen Jahren immer größer geworden ist, und der Fundus auf viele kleine Lagerräume verteilt wurde, haben wir nach einigen gescheiterten Anläufen endlich ein Vereinsheim gefunden, die erste Etage des ehemaligen Luftschutzbunkers in der Wiehbergstraße 100. Doch vor dem Einzug musst noch ein gewaltiges Stück Arbeit geschafft werden, denn der Bunker war ein Rohbau mit nacktem Beton und spärlichem Licht. Eine Heizung fehlte gänzlich. 

2007/2008

Die Funkengarde feiert ihr 50. Bestehen. Aus diesem Anlass bekommt sie von Freunden eine handgearbeitete Kanone geschenkt. Damit können auch in Zukunft größere Lachsalven oder Konfetti-Salut geschossen werden. Natürlich bleibt aber auch in Zukunft der Nahkampf mit Bützchen fester Bestandteil der närrischen Kampftechnik.

 

2010

In diesem Jahr feiern wir erstmals am Rosenmontag gemeinsam mit den Grundschulen aus dem Stadtbezirk Döhren, Wülfel und Mittelfeld einen ausgelassenen Schulfasching im Freizeitheim Döhren. Die Schirmherrschaft für diese von ca. 500 Kindern besuchte Veranstaltung übernimmt jährlich unsere Bezirksbürgermeisterin Frau   Christine Ranke-Heck.

 

Heute ist die Funkenartillerie Blau Weiß mit ca. 300 Mitgliedern eine der größten Karnevalsgesellschaften in Norddeutschland. Besonders stolz sind wir aber nach wie vor auf unsere große Jugendabteilung, die ihr Jahresprogramm zum Großteil in Eigenregie organisiert und durchführt. Sie ist der Garant für eine Weiterführung unseres alten niederdeutschen Volksbrauchtums und den Fortbestand unseres Vereines.

 

In den letzten Jahren ist die soziale Komponente immer größer geworden und so ist es auch nicht verwunderlich, dass ein Großteil unserer Nachmittagsveranstaltungen in sozialen oder caritativen Einrichtungen stattfindet.

Höhepunkt einer jeden Session sind natürlich unsere Hauptveranstaltungen „Döhren Alaaf“ am Karnevals-Samstag und der große Kinderkarneval am Karnevals-Sonntag, jeweils im Freizeitheim Döhren.